Ein  einfaches,  elementares  Bild:  Nachts, eine  Mutter,  in  den  Händen  ihr  bloßes Kind,  die  Laterne  wirft  Licht  ins  Dunkel auf  das  Angesicht  der  Mutter  und  den Rücken des Kindes. Brauntöne. Das Bild schimmert  erdenkarg.  „Madonna  mit Kind“  heißt  das  Bild.  Albin  Egger-Lienz, der  wichtigste  moderne  Maler  Österreichs, hat es gemalt. Er malte dieses Bild im  Dezember 1914 – in  Erwartung  der ersten Kriegsweihnacht. Das Leben ist auf die  elementarsten  Dinge  zurückgestuft, es sucht neue Formen im Einfachen. Die Zuneigung  ist  von  einer  stillen  Innigkeit, nichts Erregendes, nichts Feierliches, dafür Schlichtheit – stille Nacht im besten Sinn; stille  Nacht  obschon  die  Welt  aus  den Fugen ist; stille Nacht, aber keine Idylle. Konzentriert  man  sich  auf  das  Gesicht der  Mutter,  das  Angesicht  Marias,  dann möchte man Gedanken lesen. Was denkt sie? Welche Gedanken gehen ihr im Anblick des Kindes durch den Kopf? Deutet sie ihr Kind? Erahnt sie seine Be-Deutung?

Im Evangelium vom Heiligen Abend nach Lukas  heißt  es:  „Maria  aber  behielt  alle diese  Worte  und  bewegte  sie  in  ihrem Herzen.“ (Lk 2,19) Das sieht man der Maria im Bilde an. Ihr Herz ist gedanklich und gefühlvoll bewegt. Da, wo die Gedanken und die Gefühle hingehören – ins Herz. So  ist  es  auch  mit  dieser  heiligen  Zeit; auch  unsere  Zeit  wankt  und  sucht  und irrt  umher;  wenig  Festes  noch,  was  Verlässlichkeit  und  schlichte  Sicherheit  fürs zur-Ruhe-kommen  schenkt. 

Man  erfasst die  Bedeutung  von  Advent  und  Weihnacht  nur,  wenn  man  sich  von  der  Welt nicht irre machen lässt und sich ein wenig in und für sich abwendet von dem, was uns  vom  Wesentlichen  ablenkt.  Verzicht scheint ein Gebot der Stunde zu sein: Im vergangenen Jahr erzählte mir eine Frau aus  unserer  Gemeinde  vom  Stress,  den ihr jedes Jahr das Weihnachtsfest macht; wie anstrengend es ist und sie eigentlich unglücklich  macht,  alles  vorzubereiten und  es  allen  recht  zu  machen,  manchmal hat sie Angst vor diesen Tagen: „man kommt selbst gar nicht mehr zur Ruhe!“ Solche Klage höre ich oft. Was tun? Wie kommen wir dazu, die heilige Zeit auf uns wirken zu lassen? Wie schaffen wir es, sie im Herzen zu bewegen? Wie kommen wir und  das  Heilige,  das  Gott  uns  schenkt, zusammen? –

Sehe ich das Bild, so fließt die Ruhe langsam in mich über. Das Licht gibt  den  Schein,  den  ich  zum  Erkennen brauche. Es wärmt mich maßvoll. Ich kann mich  konzentrieren.  Wie  wenig  ist  nötig, um  sich  davon  bewegen  zu  lassen!  Wie überzeugend kann die Stille sein! Wie klar das wenige Licht!

Kann das nicht unser Leben in dieser Zeit werden? Schaffen wir es, unsere Geschäftigkeit los zu lassen, still zu werden, damit wir Gott für uns hören und sehen und erkennen, damit wir uns auf das einlassen, was er für uns getan hat?!

Liebe  Schwestern  und  Brüder  in  unserer Gemeinde, ich wünsche Ihnen von Herzen den  Mut  abzulassen  von  dem,  was  uns ablenkt von Gott; und ich wünsche Ihnen von Herzen den Mut still zu werden, damit auch wir die Worte des Heiligen Abends behalten und in unseren Herzen bewegen.

Ihnen allen eine gesegnete Advents-, Weihnachts- und Epiphaniaszeit.

Ihr Dr. Uwe Weise Pfarrer