In der Altstadt von Cottbus sind zwei der drei mittelalterlichen Kirchen erhalten geblieben. Die ältere Klosterkirche und die große St. Nikolai-Kirche, die nach der Reformation allmählich den Namen Oberkirche erhielt, wodurch ihre Vorrangstellung bezeichnet war - nicht nur die kirchliche, sondern auch die soziale und ethnische.

Sie war in den vergangenen Jahrhunderten die Kirche für die Deutschen und für das gehobene städtische Bürgertum, während für die wendische Landbevölkerung und das dienende Volk die Klosterkirche zuständig war. Dieser Unterschied ist längst überholt. Heute sind beide Kirchen, obwohl sie dicht beieinander stehen, jeweils einer Kirchengemeinde in der Stadt zugeordnet.

Die Oberkirche St. Nikolai ist eine der großen, aus Backsteinen erbauten Stadtkirchen Norddeutschlands. Ihre Gestalt als spätgotische dreischiffige Hallenkirche, deren Seitenschiffe östlich in den weiten Chorumgang übergehen, bekam sie im 15. Jahrhundert.

Die vielfältigen Stern- und Netzrippengewölbe entstanden erst nach dem großen Brand von 1468. Auffallend und ungewöhnlich ist die Überhöhung des Mittelschiffes, die auch außen am Dach im Stufenabsatz erkennbar wird.

Am Ende des zweiten Weltkrieges vernichtete ein Brand fast das gesamte Innere der Kirche, wobei auch Gewölbe und Pfeiler einstürzten. Der Wiederaufbau war das Werk vieler sehr engagierter Menschen der Kirche, Architektur und Denkmalpflege, der Kunst und Musik. Turmhaube, Orgel und manches andere mussten neu geschaffen werden.

Heute strahlt die Kirche große, lichte Feierlichkeit aus, gewährt sie doch dem Eintretenden einen unverstellten Durchblick vom Eingang entlang der neun Pfeilerpaare, bis hin zum Altar. Der Lichteinfall, unterstützt vom Weiß der Wände, Pfeiler und Gewölbe, lassen das Innere hoch und weiträumig in eindrucksvoller Geschlossenheit erscheinen.

 

Der Altar, 1664 von Andreas Schulze geschaffen, ist das bedeutendste Kunstwerk in dieser Kirche, er hat die Kriegszerstörungen im wesentlichen überstanden. In den Reliefs und Figuren sind die Aussagen über Jesus Christus aus dem Glaubensbekenntnis dargestellt, der auferstandene Christus ist im Zentrum zu sehen. Lässt die horizontale und vertikale Gliederung des Aufbaus den Altar der Renaissance zuordnen, so weisen ihn die Figuren in ihrer leidenschaftlich bewegten Haltung dem Barock zu.

Die Oberkirche St. Nikolai ist seit der Einführung der Reformation evangelisch. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten finden in ihr auch zahlreiche andere kirchliche Veranstaltungen statt. Orgel-, Chor-, Bläser- oder Instrumentenkonzerte, thematisch orientierte Zusammenkünfte, Ausstellungen, Aktionstage oder Gemeindefest lassen die Menschen hier zusammenfinden.

In politisch besonders bewegten Zeiten war und ist die Oberkirche Zentrum von Friedensgebeten sowie Ausgangsort für Demonstrationen. Ein schlichtes Holzkreuz gegenüber der Kanzel trägt die sichtbaren Spuren solcher Zeiten in übergeflossenem Kerzenwachs und angehefteten Gebetszettelchen.

Die Kirche steht täglich offen und lädt alle ein, die dieses herrliche Bauwerk besichtigen möchten, eine Atempause brauchen oder die Stille zum Gebet suchen. Zugleich ermöglicht sie in ihrem Umfeld die Begegnung der Menschen. So findet an der Oberkirche seit dem 18. Jahrhundert Markt statt. Der Turm als der älteste Teil der Kirche bietet heute noch eine schöne Aussicht und hilft als ein weithin sichtbares Zeichen zur Orientierung in der Stadt.

Kirchen geben bergenden Raum für die Begegnung der Menschen mit Gott. Sie sind aus Steinen erbautes Glaubenszeugnis vieler Generationen, oft - wie die Oberkirche St. Nikolai - über Jahrhunderte hinweg.

Dorothea Hallmann

 

Hier können Sie sich in der Kirche umsehen: 3D Panorama mit Bildern von Thomas Richert.

Schauen Sie hinein: