Wer nach Cottbus kommt, sollte nicht versäumen, die Oberkirche St. Nikolai in der Nähe des Altmarktes zu besuchen. Sie gehört in die Reihe der großen nordostdeutschen Stadtkirchen im Stil der Backsteingotik, die einst weit und hoch aus der flachen Landschaft herausragten. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihren Bauformen einfach und klar gegliedert sind und in der Außenansicht oft ihr wesentliches Schmuckelement in den Ziergiebeln tragen, wo sich weiße Putzflächen gegen die vorspringenden roten Mauerteile absetzen.

Die Baugeschichte reicht in das frühe Mittelalter zurück, eine Ersterwähnung stammt von 1156. Über deren Gestalt ist nichts bekannt. Die Vorgängerin der jetzigen großen Kirche war mit kleinerem Grundriss angelegt. Der Unterteil des mächtigen Turmes stammt noch aus jener Zeit und wurde für den spätgotischen Neubau übernommen, aber so, dass er nun nicht mehr die Mitte der Westwand bildet, sondern mehr nach Norden reicht. Die Kirche, wie wir sie sehen, ist ein Werk aus dem Anfang des 15. Jh., fand aber ihre endgültige Gestalt wohl erst nach dem großen Stadtbrand von 1468 und erfuhr auch noch Veränderungen nach dem nächsten großen Stadtbrand von 1600. Der letzte Brand am Ende des Zweiten Weltkrieges führte zu riesigen Schäden in der Kirche, wodurch nicht nur fast die gesamte Innenausstattung vernichtet wurde, sondern auch Gewölbe und Dachstuhl einstürzten. Nach dem großen Wiederaufbau wurde die hölzerne Einrichtung früherer Jahrhunderte (Bänke, Seitenemporen, neugotische Altarumfassungen) nicht wiederhergestellt. Die Kirche wirkt nun in ihrer offenen Größe und mit dem durchgängigen Weißanstrich um so erhabener. Sie gewährt dem Eintretenden einen unverstellten Durchblick vom Eingang bis nach vorn zum Altar, entlang an den Pfeilerpaaren, vom recht dunklen Turm her durch das immer heller werdende Kirchenschiff zum lichtdurchfluteten Chorraum mit seinen großen Fenstern.

 

Es tut gut, diesen wunderbaren Raum erst einmal auf sich wirken zu lassen und in die Größe und Weite hinein sich zu entspannen. Dass die Kirche in einem sehr klaren Verhältnismaß gebaut ist - ihre Länge beträgt­ etwa das Dreifache ihrer Breite, die gleich ihrer Höhe ist -, das wird mit den Augen nicht abschätzbar sein, dafür aber unbewusst als harmonisch empfunden.

Die drei Kirchenschiffe bekommen am fünften Pfeilerpaar (vom Turm aus gerechnet) eine deutliche Zäsur, die durch die Pfeilerverstärkung und den kräftigeren Gewölbebogen markiert ist und den Übergang zum Chor anzeigt, in den die Schiffe übergehen. Hier befindet sich an der rechten Seite die Barockkanzel, die beim Wiederaufbau (anstelle der vernichteten aus der Renaissancezeit)  hierher aus Frankfurt/0. übernommen werden  konnte. Gegenüber auf der linken Seite steht ein schlichtes Holzbalkenkreuz auf einem kleinen Podest aus unregelmäßig angeordneten Fußbodensteinen. Oft brennen vor diesem Kreuz Kerzen zur Fürbitte und zum Gedenken an Menschen, die von Krieg und Verfolgung bedroht sind. Zwischen den beiden Pfeilern stehen ein kleiner Altar und ein Lesepult, weil für den »normalen« Gottesdienst die Kirche in ihrer gesamten Ausdehnung nicht gebraucht wird. Aber an Fest- und kirchlichen Feiertagen wird der Gottesdienst vom Hochaltar her gefeiert.

Dieser Altar ist eines der bedeutendsten Kunstwerke der Stadt. Andreas Schultze hat ihn 1661 geschaffen. Mit seiner Spitze erreicht er die Hälfte der Gesamthöhe bis zum Gewölbe. Den verheerenden Kriegsbrand konnte er leidlich gut überstehen, weil er zum Schutz eingemauert worden war. Die untere Hälfte ist aus Sandstein, die Figuren sind aus Alabaster, der obere Teil ist aus Holz. Kunstgeschichtlich ist der Altar als ein Übergangswerk von Renaissance zu Barock einzuordnen. Auf ersteres weist die Einteilung in Bildfelder, die deutliche horizontale und vertikale Gliederung, auf letzteres die Art der figürlichen Gestaltung selbst. Wichtiger aber als diese Beschreibungen ist das, was auf dem Altar zu sehen ist. Alle Darstellungen weisen auf das Bild in der Mitte hin, auf die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Weihnachten, die Geburt Jesu, ist klein und in den Unterteil gesetzt, die Passion Jesu an die Seiten gerückt und dadurch sehr eng gestaltet, damit Christus als der Lebendige um so größer zu sehen ist. Auf den Eckpunkten stehen die weinende Maria Magdalena und der Auferstandene, um einander am Ostermorgen zu begegnen. Zu den Seiten des Himmelfahrtsbildes sind zwei alttestamentliche Szenen zu sehen, die schon in der ersten Christenheit in einem symbolischen Bezug zum Ostergeschehen verstanden werden. Links: Wie Jona nach drei Tagen aus dem Bauch des Fisches freikam, so ist Christus nach drei Tagen vom Tod auferstanden. Rechts: Wie der starke Simson einen Löwen erwürgen konnte, so hat Christus das Böse und den Tod besiegt. Der Abschluss des Altars ist als Dreieck gestaltet and stellt die Dreieinigkeit Gottes dar: Christus als Herr der Welt, darüber Gott-Vater und ganz oben der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Ein kleines blaues Schild mit goldenen Buchstaben leuchtet in der Mitte des Altars. Es ist der Gottesname in der hebräischen Bibel: Juden und Christen glauben an den gleichen Gott.

Beim Zurückkehren vom Altar zum Ausgang lohnt es, den Blick noch einmal auf die Gewölbe zu richten, die sich von Joch zu Joch in wechselnden Formen über den hohen Pfeilern aufspannen. Auch die Orgel wird nun sichtbar. Der Prospekt von 1759 stammt aus Sachsen und kam beim Wiederaufbau in diese Kirche. Das Orgelwerk entstand 1984 und hat in 50 Registern eine wunderbare Klangfülle. An den Wänden befinden sich verschiedene Grabdenkmäler aus dem 16. und 17. Jh.

Es wird den Besuchern auffallen, dass in den Seitenschiffen keine Stühle, sondern in den freien Räumen Ausstellungstafeln und Informations- und Verkaufstische stehen. Die Oberkirche St. Nikolai soll uns nicht nur als ehrwürdiges Bauwerk mit den Glaubenstraditionen früherer Jahrhunderte bis zum Mittelalter verbinden, sondern wir suchen auch Querverbindungen zur Gegenwart herzustellen, die in der Kunst ihren Ausdruck finden oder die weltweite kirchliche Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung vor Augen führen und zum Mittun einladen. Darum finden neben den Gottesdiensten und Kirchenmusiken - sie sind ohne Zweifel der wichtigste Schwerpunkt unserer Veranstaltungen in dieser Kirche - auch Informationsabende, Tagungen und Vorführungen statt.


 

Die Kirche trägt zwei Namen. Im Mittelalter bekam sie - wie viele Kirchen in norddeutschen Städten, die mit Schifffahrt und Handel zu tun hatten - den Namen St. Nikolai, denn der heilige Nikolaus war als Schutzpatron der Kauf- und Seeleute sehr beliebt. Als die St. Nikolai-Kirche dann nach der Reformation evangelisch wurde, war sie bald die Oberkirche über die anderen und war damit auch die Kirche der sozial Höherstehenden. Es gibt viele Legenden, die von Bischof Nikolaus als dem Helfer der Armen berichten, der sich für verschiedenste Notleidende eingesetzt hat. Auf diese Tradition wollen wir uns in der Gegenwart wieder besinnen, zumal die Oberhoheit über die anderen Kirchen zum Glück längst nicht mehr besteht.

Die Oberkirche St. Nikolai ist täglich für Besucher geöffnet. Gottesdienste werden an allen Sonntagen und an den kirchlichen Feiertagen um 10.00 Uhr gehalten. Jeder ist dazu herzlich eingeladen. Während der Öffnungszeiten außerhalb der Veranstaltungen kann der Kirchturm bestiegen werden. Er bietet von oben einen weiten Rundblick über die Stadt.

Dorothea Hallmann